Warum die LME fällt – die Strangpressbolzen aus EN AW-6063 aber so schnell nicht zurückkommen
Der Markt riecht Frieden, und Donald Trump möchte sich feiern. Die LME ist von ihrem Vierjahreshoch auf unter 3.400 USD gefallen, in Genf wird ein Rahmenabkommen unterschrieben, die Reeder rechnen damit, ihre Frachter aus der Straße von Hormus wieder freizubekommen – und überall hört man dasselbe erleichterte Ausatmen:
„Super. Jetzt wird alles wie vorher und die Preise sind wieder normal. Böse Werke!“
Von wegen – das ist ein Irrtum. Nicht weil es bequem klingt und die bösen Werke zu teuer gekauft haben, sondern weil es eben nicht stimmt.
Wer aus der fallenden LME ableitet, dass die EN-AW-6063-Bolzen morgen wieder fließen wie 2024, der verwechselt einen Vertrag mit physischem Metall. Die LME handelt eine Erwartung. Der Strangpressbolzen ist ein Stück Aluminium, das eine Gießerei verlassen muss, das Energie braucht, das Tonerde frisst – und das alles passiert nicht in Genf bei Cola, Champagner und Burgern, sondern in einer Handvoll Werke rund um eine 33 Kilometer schmale Wasserstraße.
Acht Werke, eine Engstelle
Schauen Sie auf die Karte. Acht Primäralu-Smelter drängen sich um die Straße von Hormus. Blau die „gute“ arabische Seite, rot die „böse“ Iran-Seite. Warum böse? Weil die EU eben aus dem Iran nichts kaufen darf. So einfach ist das: Blau ist gut, Rot ist tabu.
Für unsere Welt –Strangpressbolzen aus EN AW-6063 – zählt somit nur die blaue Seite:
- ALBA, Bahrain (1)
- Ma’aden, Saudi-Arabien (2)
- Qatalum, Katar (3)
- EGA Jebel Ali, Dubai (4)
- EGA Al Taweelah, Abu Dhabi (5)
- Sohar, Oman (6)
Das ist das Rückgrat der Strangpressindustrie Europas. Diese Smelter sind die, deren billiger Gas-Strom über Jahre die EN-AW-6063-Bolzen so wettbewerbsfähig gemacht hat, dass halb Europa sie eingekauft hat. Die rote iranische Seite (7 und 8) spielt für unsere Versorgung praktisch keine Rolle – sanktioniert, abgeschnitten, kein Thema für einen EU-Strangpresser.
Die ganze Golfregion macht rund acht bis neun Prozent der weltweiten Primäraluminium-Produktion aus und der Löwenanteil davon ging bisher durch Hormus nach draußen. Acht bis neun Prozent klingen nach wenig. Das ist es nicht – nicht, wenn vier dieser sechs Werke gleichzeitig humpeln.
Sohar ist kein Ersatz. Sohar ist ein Hafen.
Der erste Reflex in der Branche: „Dann nehmen wir eben Sohar, das liegt doch außerhalb von Hormus, am Golf von Oman.“ Richtig – und trotzdem ein Denkfehler.
Sohar ist klein. Und Sohar liefert grob sechzig Prozent seiner Produktion an die heimische omanische Weiterverarbeitung. Was übrig bleibt, reicht nicht ansatzweise, um EGA, Qatalum und Alba zu ersetzen. Das wäre, als wollte man einen ausgefallenen Hochofen mit einer gut sortierten Schlosserei vergleichen.
Der eigentliche Wert von Sohar in dieser Krise ist nicht der Smelter, sondern der Hafen. Über Sohar (und Fujairah und Duqm) wird jetzt Tonerde hereingeschleust und Fertigmetall per Lkw hinausgekarrt – an Hormus vorbei. Wer Sohar als Bolzen-Quelle verkauft, verwechselt den Notausgang mit dem Wohnzimmer.
Der Punkt, an dem es bei den meisten klingelt: keine Tonerde rein, keine Bolzen raus
Und jetzt kommt der Teil, den die LME-Optimisten gern überspringen.
Ein Smelter ist keine Fabrik, die man mit einem Handschlag in Genf einschaltet. Für jede Tonne Aluminium braucht ein Smelter rund zwei Tonnen Tonerde (Alumina) als Schüttgut, das per Bulker über See kommt. Keine Gießerei der Welt produziert auch nur ein Kilo Bolzen ohne diesen dauernden Fluss an Nachschub.
Und genau hier ist der Knoten. Egal, wie gut Trump argumentiert, und egal, was man vom Papier, das in der Schweiz unterschrieben wurde, halten mag: Kein Reeder ist so dumm, jetzt einen großen Bulker voller Alumina in die Straße von Hormus hineinzuschicken. Alle sind heilfroh, ihre teuren Frachter überhaupt erst einmal wieder herauszubekommen. Wer da freiwillig wieder hineinfährt, riskiert sein Schiff, seine Crew und seine Versicherungsprämie – für eine Ladung Tonerde. Wer soll das machen?
Was stattdessen passiert, ist Behelf: Tonerde in Säcken, angelandet außerhalb der Straße, dann auf den LKW und über die Wüste zu den Smeltern gefahren. Das funktioniert. Aber es ist teuer, es ist langsam, und es ist gedrosselt. Die seewärtigen Tonerde-Importe in den Golf lagen zuletzt noch unter dem Fünfjahresschnitt. Wieviel passt auf einen LKW und wieviel auf einen Frachter?
Sehr Ihr selber, oder?
Und das ist die Logik: Kommt keine Tonerde rein, kommen keine Bolzen raus.
Punkt aus fertig! Ist so, war so und bleibt so!
Ein unterschriebenes Friedenspapier füllt keinen Tonerde-Silo.
Die Werke selbst sind teilweise zerstört, gedrosselt und haben zweimal höhere Gewalt verursacht. Als ob der Nachschub allein nicht reichte, stehen die Gießereien nun selbst blank da:
- EGA Al Taweelah hat durch den Angriff erheblichen Schaden genommen. EGA selbst rechnet damit, dass die vollständige Wiederherstellung der Primärproduktion bis zu zwölf Monate dauern kann. Mit beschädigt: die werkseigene Tonerde-Raffinerie, die fast die Hälfte des eigenen Tonerdebedarfs deckte.
- Alba lief nach dem Treffer zeitweise auf rund 30 Prozent.
- Qatalum fuhr wegen Gasmangels einen kontrollierten Shutdown und hält sich seither bei etwa sechzig Prozent über Wasser.
- Und Hydro hat innerhalb von drei Monaten zweimal Force Majeure erklärt: erst wegen des Gasmangels bei Qatalum, dann ein zweites Mal, nachdem Qatalum die Vermarktungsvereinbarung gekündigt hat.
Wenn ein Konzern wie Hydro zweimal in einem Quartal höhere Gewalt erklärt, ist das kein vorbeilaufendes, leichtes „Gewitterken“. Das ist ein Konzern, der auf wenigen Linien läuft, mit beschädigter Infrastruktur, knappem Strom und gerissenen Lieferketten. So etwas fährt man nicht mit einem Knopfdruck wieder hoch. Reduktionszellen, die einmal kalt sind, sind ein monatelanges Projekt – kein Wochenende.
Die LME darf und wird fallen bei Frieden, aber der Bolzen folgt nicht im Gleichschritt.
Verstehen Sie mich richtig: Ja, die LME fällt. Und sie hat gute Gründe dafür. Im Papiermarkt schlägt im Moment die Rezessionsangst die Knappheit: die Nachfrage ist schwach, also gibt der Preis nach. Das ist völlig rational und soweit normal.
Aber die LME ist die Standard-Massel. Der Strangpressbolzen aus EN AW-6063 ist etwas anderes: ein physisches Produkt aus einer Gießerei, mit einer eigenen Prämie, gebunden an genau die Werke, die gerade beschädigt, gedrosselt oder vom Nachschub abgeschnitten sind.
Deshalb mein klares Wort an alle, die jetzt auf die alten Preise warten: Der Bolzenpreis wird leicht fallen – aber nicht wie die LME, und nicht zurück auf das Niveau von vorher und schon gar nicht heute oder morgen. Wer den Frieden in Genf eins zu eins in fallende Bolzenpreise umrechnet, rechnet sich reich. Sorry – das wird nichts.
Was das für Sie und uns heißt:
Wer heute Bolzen braucht, braucht zwei Dinge: einen Lieferanten, der nicht erst beim Smelter anfragen muss, ob überhaupt produziert wird und einen, der ehrlich genug ist, den Friedensirrtum nicht mitzumachen. Wir bei mejo haben unsere Position bewusst gefüllt, als andere noch auf die schnelle Entspannung gewettet haben. Lieferfähigkeit ist in genau solchen Phasen kein Marketingwort, sondern der Unterschied zwischen „kann ich morgen pressen“ und „muss ich die Linie anhalten“.
Die LME fällt. Juchhuuu. Toll. Die Bolzen kommen wieder. Auch schön. Aber sie kommen langsamer, teurer und in geringerer Menge, als der Friedensoptimismus und Donald uns gerade weismachen wollen. Und jetzt kommt bestimmt wieder einer und sagt was über Bolzen aus Russland. Ja klar, die gibt es auch. Aber wissen Sie was? Der Russe ist auch nicht blöd. Wenn einer aus der EU kommt und beim bösen, bösen und ganz besonders bösen Russen anklopft, dann freut der sich nicht nur aus Nächstenliebe.
Bleiben Sie nüchtern. Wir tun es auch.

















