Warum Europas Strangpressmarkt die Talsohle noch nicht erreicht hat
Für viele Einkäufer zählt beim Aluminiumpreis noch immer vor allem die LME-Notierung. Im europäischen Strangpressmarkt greift diese Betrachtung jedoch inzwischen deutlich zu kurz. Denn entscheidend sind aktuell vor allem drei andere Faktoren:
- die Verfügbarkeit von Pressbolzen,
- steigende regionale Prämien und
- zunehmend längere Lieferzeiten.
Besonders kritisch dürfte dabei das Zeitfenster für Aluminium im Juni/Juli werden. Viele Marktakteure leben derzeit noch von bereits verschifften Mengen und vorhandenen Lagerbeständen. Doch wenn Nachschub verspätet eintrifft oder vollständig ausbleibt, zeigt sich die tatsächliche Marktanspannung oft erst Wochen später entlang der Lieferkette.
Der eigentliche Engpass: 6063-Pressbolzen
Vor allem bei 6xxx-Legierungen spitzt sich die Versorgungslage weiter zu. Die Golfregion spielt hier eine zentrale Rolle, denn die weltweit wichtigsten Lieferanten für Extrusionsbolzen sind aktuell vor allem:
- Emirates Global Aluminium (EGA, VAE)
- Aluminium Bahrain (Alba)
Alba exportiert laut US-Handelsdaten überwiegend 6xxx-Extrusionsbolzen in 7- und 9-Zoll-Durchmessern – also genau die Produkte, die in europäischen Strangpresswerken besonders stark nachgefragt werden. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate zeigen ein ähnliches Muster, allerdings in noch größerem Umfang.
Damit wird klar: Fällt die Golfregion teilweise aus, betrifft das nicht irgendeinen Teilmarkt, sondern einen der wichtigsten globalen Versorgungsknoten für 6063-Pressbolzen.
Warum die Prämien plötzlich steigen
Die aktuelle Preisentwicklung ist keineswegs zufällig. Nach iranischen Raketenangriffen auf das Al-Taweelah-Werk hat EGA Force Majeure erklärt; die vollständige Wiederherstellung der Kapazitäten kann nach Unternehmensangaben bis zu einem Jahr dauern. Damit fehlen dem Weltmarkt erhebliche Mengen – voraussichtlich über weite Teile des Jahres 2026 hinweg.
Parallel dazu musste Alba in Bahrain die Produktion zeitweise aufgrund von Schifffahrtsstörungen reduzieren. Zusätzlich hat auch das Qatalum-Werk von Norsk Hydro in Katar seine Produktion wegen Gasstörungen gedrosselt.
Die Folgen zeigen sich bereits deutlich im Markt:
- steigende Rotterdam-Prämien,
- höhere Pressbolzenaufschläge,
- längere Lieferzeiten und
- wachsender Konkurrenzdruck um verfügbare Mengen.
Hinzu kommt die Logistik: Viele Lieferungen müssen aktuell um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet werden. Dadurch verlängern sich Transitzeiten nach Europa teilweise um bis zu drei Wochen. Genau dieser Faktor treibt die regionalen Aufgelder nach oben.
Substitution? Schwieriger als viele glauben
Oft wird argumentiert, dass Aluminium global ausreichend verfügbar sei. Das stimmt grundsätzlich – hilft jedoch im Strangpressmarkt nur bedingt.
Für Standardlegierungen wie 3003 oder 5052 existieren teilweise Ausweichmöglichkeiten über nordamerikanische oder europäische Werke. Bei 6063-Pressbolzen ist die Situation jedoch deutlich enger.
Gerade bei
- 6xxx-Legierungen,
- Sonderabmessungen,
- projektbezogenen Profilen und
- engen Lieferfenstern
sind die Substitutionsmöglichkeiten begrenzt. Und genau deshalb reagieren Billet-Prämien oft wesentlich stärker als der eigentliche LME-Preis.
Europa spürt die Folgen zeitverzögert
Entwicklungen außerhalb Europas beeinflussen den hiesigen Markt unmittelbar. Sobald Nordamerika, Asien oder andere Regionen verstärkt zusätzliche Mengen am Weltmarkt nachfragen, verändern sich internationale Warenströme entsprechend. Vergleichbare Marktbewegungen waren bereits nach der Corona-Pandemie zu beobachten, als sich einzelne Regionen zeitlich versetzt und unterschiedlich dynamisch entwickelt haben.
Gleichzeitig investieren große Industrieunternehmen verstärkt in regionale Aluminiumkreisläufe sowie in Recycling- und Remelting-Kapazitäten. Die jüngsten Investitionen von Glencore in den USA verdeutlichen diesen Trend: Versorgungssicherheit gewinnt für viele Marktakteure zunehmend strategische Bedeutung.
Für Europa bedeutet das nicht zwangsläufig akute Engpässe in allen Bereichen. Die Beschaffung wird jedoch anspruchsvoller, stärker von globalen Entwicklungen beeinflusst und damit häufig auch kostenintensiver.
Entscheidend bleiben daher langfristig stabile Lieferantenbeziehungen, transparente Preisstrukturen und eine frühzeitige Abstimmung der Materialbedarfe.
Empfehlung für Einkäufer und Projektverantwortliche in der Aluminium-Branche
Wir bei mejo beobachten die Entwicklungen am Aluminium-Markt kontinuierlich und unterstützen unsere Kunden bei Fragen rund um Materialverfügbarkeit, Strangpressprofile und auch Beschaffungsstrategien.
Zum jetzigen Zeitpunkt empfehlen wir, Bedarfe für das dritte Quartal frühzeitig zu prüfen und sich nicht ausschließlich auf kurzfristig verfügbare Spotmengen zu verlassen. Aktuell bestehen vielerorts noch Auswahl- und Handlungsspielräume – erfahrungsgemäß nehmen diese in angespannten Marktphasen jedoch zunehmend ab. Wer Beschaffungen zu lange hinauszögert, muss häufig mit eingeschränkter Verfügbarkeit, längeren Lieferzeiten und steigenden Kosten rechnen.
Besonders bei festen Projektterminen, Sonderprofilen oder engen Lieferfenstern sollten Mengen, Lieferzeiten und Preisbindungen daher frühzeitig abgestimmt und abgesichert werden – nicht zuletzt aus kaufmännischer Vorsicht.
In Angeboten und Kalkulationen empfiehlt sich zudem eine klare Trennung der einzelnen Preisbestandteile wie LME, Prämien, Pressbolzenaufschläge, Verarbeitungskosten und Transportkosten. Gerade in angespannten Märkten bewegen sich diese Bestandteile nicht gleichmäßig.
Wir rechnen zwar nicht zwingend mit einem sprunghaften Anstieg des LME-Preises im Juni, da die Wirtschaft sich noch immer in einer Rezession befindet – aber plausibel ist ein deutlich spürbarer Druck auf Pressbolzen-Prämien, Aufgelder und Lieferzeiten. Für den europäischen Strangpressmarkt bleibt die Lage daher sensibel – vor allem für die, die noch zu tun haben.
Was müsste passieren, damit alles wieder normal läuft?
Damit sich die Situation am Markt wieder spürbar entspannen kann, müssten mehrere Faktoren gleichzeitig eintreten:
EGA müsste kurzfristig wieder Kapazitäten aufbauen, damit überhaupt in etwa sechs Monaten wieder nennenswerte Mengen geliefert werden können. Gleichzeitig müsste die Straße von Hormus dauerhaft frei und sicher passierbar bleiben. Und nicht zuletzt müssten Versicherer bereit sein, die Transporte durch die Region wieder umfassend zu decken.
Aktuell spricht jedoch wenig dafür, dass sich alle drei Punkte kurzfristig lösen werden. Entsprechend bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die bestehenden Spannungen bei Pressbolzen, Lieferzeiten und regionalen Prämien noch länger im europäischen Markt bemerkbar machen werden. Was das für Verfügbarkeit, Kalkulationen und Preisentwicklungen bedeutet, dürfte inzwischen jedem Marktteilnehmer bewusst sein.
Wie wir unsere Kunden bei mejo auch in schwierigen Marktphasen sicher durch volatile Lieferketten und angespannte Materialverfügbarkeiten manövrieren, lesen Sie im Blogbeitrag „Verfügbarkeit im Aluminium-Markt“ aus April.

















